
Kanarischer Rum: Arucas und der Ron Miel
Wenn du schon einmal auf den Kanaren warst, hast du ihn wahrscheinlich in einem Ladenregal gesehen: Flaschen mit einem Getränk, dessen Farbe von Goldgelb bis zu tiefem Mahagoni reicht, und auf dem Etikett zwei Wörter, ron und miel, also Rum und Honig. Die meisten kaufen ihn als Honigrum.
Nur ist er rechtlich kein Rum.
Ein Likör übrigens auch nicht. Die europäischen Regeln stecken ihn in eine dritte Schublade, und wenn du nachschaust, warum, öffnet sich dahinter mehr als ein halbes Jahrtausend Zuckergeschichte der Inseln, die Sklavenarbeit eingeschlossen. Wenn du sehen willst, wie kanarischer Rum entsteht: Auf Gran Canaria in Arucas und auf La Palma in San Andrés y Sauces gibt es Brennereien, die du besichtigen kannst. Die offiziellen Seiten der Brennereien findest du am Ende des Artikels.
Was das Recht Rum nennt
Die Spirituosenverordnung 2019/787 der Europäischen Union legt genau fest, was Rum ist. Er darf ausschließlich aus Zuckerrohr hergestellt werden: aus der Melasse oder dem Sirup der Rohrzuckerherstellung oder aus dem Zuckerrohrsaft selbst, durch Gärung und Destillation. Er hat mindestens 37,5 % vol. Aromen darf er nicht enthalten, und das fertige Erzeugnis darf höchstens 20 Gramm Süßungsmittel pro Liter enthalten.
Der Ronmiel fällt in fast jedem Punkt aus dieser Definition heraus. Sein offizieller Name ist Ronmiel de Canarias, in einem Wort. Laut der Produktspezifikation des Qualitätsinstituts der Kanarischen Regierung (ICCA) wird er auf den Inseln aus Honig, Trinkwasser und Rum hergestellt. Er darf zugesetzten Zucker und Aromen enthalten. Sein Alkoholgehalt liegt zwischen 20 und 30 % vol, sein Gesamtzuckergehalt darf höchstens 350 Gramm pro Liter betragen, und er muss mindestens 2 Volumenprozent Honig enthalten.
Deshalb führt ihn das Recht weder als Rum noch als Likör, sondern unter den „sonstigen Spirituosen“ (otras bebidas espirituosas), als geografische Angabe. Rum steckt drin, aber das Getränk selbst ist kein Rum mehr.
Auf manchen Produkten steht der Name in zwei Wörtern, Ron Miel. Der geschützte Name wird aber zusammengeschrieben, deshalb schreiben auch wir ihn im Text so.
Zwei Daten und eine alte Anzeige
Der Ronmiel ist nicht auf dem Schreibtisch von Juristen entstanden. Laut Produktspezifikation wurde er früher in den Tascas, den kleinen Kneipen, und in den Gasthäusern an der Landstraße (ventas) als einheimisches Getränk verkauft, und sein Name verriet schon seine beiden Hauptzutaten. Die industrielle Herstellung kam mit dem Aufschwung des Tourismus, ab 1950.
Die Spezifikation zitiert auch ein Beispiel aus jener Zeit: Die Revista Arucas bot in ihrer Ausgabe Nummer 9 vom Juni 1953 in einer halbseitigen Anzeige den „Ronmiel Las Colmenas, estilo Canario“ an, mit dem Namen der C.O.C.A.L. Die C.O.C.A.L., die Kanarische Genossenschaft für Branntweine und Liköre (Cooperativa Canaria de Aguardientes y Licores), wurde laut einer Abschlussarbeit der Universität La Laguna 1950 gegründet, und an ihrer Gründung war ein Name beteiligt, dem wir in Arucas wieder begegnen: Alfredo Martín Reyes. Das spanische Recht erwähnte den Ronmiel schon 1975, im Dekret 1228/1975, als traditionelles kanarisches Getränk.
Der Schutz kam in zwei Schritten. Den Antrag stellte die Asociación Industrial de Canarias, der kanarische Industrieverband, und die Kanarische Regierung erkannte mit ihrer Verordnung vom 21. September 2005 die geografische Bezeichnung „Ronmiel de Canarias“ an. Die EU-Liste folgte am 13. Februar 2008, in Anhang III der Verordnung 110/2008, unter den sonstigen Spirituosen.
Wie wird er hergestellt? Laut Spezifikation wird zuerst aus Wasser und Honig ein Sirup gemischt, in den auch Zucker und Aromen kommen dürfen, dann wird so viel Rum zugegeben, dass der Alkoholgehalt zwischen 20 und 30 % liegt. In der Nase dominiert der Honig, der Rum kommt nur in Noten durch, am Gaumen ist er süß und samtig (untuoso). Nach einer undatierten Angabe der Kanarischen Regierung werden jährlich rund anderthalb Millionen Liter hergestellt, davon gehen etwa 46.000 Liter ins Ausland.
Als „miel“ noch kein Bienenhonig war
Die Spezifikation sagt selbst, dass die Geschichte des Ronmiel zwangsläufig mit der Geschichte des Zuckerrohrs verbunden ist.
Die ersten Zuckermühlen (ingenios) und Rohrplantagen entstanden in den 1480er-Jahren auf Gran Canaria und La Gomera, nach dem Ende der Eroberung auch auf La Palma und Teneriffa. Boden und Klima begünstigten das Rohr nur auf diesen vier Inseln, und auch dort nur an manchen Stellen, unterhalb von 400 Metern. Zucker war in Europa eine teure, begehrte Ware, und auf den Inseln wurde er sehr einträglich.
Die Facharbeiter kamen größtenteils aus Portugal, vor allem aus Madeira. Die schwerste Arbeit, den Anbau des Rohrs und das Schleppen von Rohr und Brennholz, verrichteten Sklaven: meist schwarze Sklaven, die von den Kapverden gebracht wurden, aber auch Morisken und kanarische Ureinwohner. Die Studie von 2022 über die Archäologie des kanarischen Zuckers trägt den Titel „Oro blanco“, weißes Gold. Auch das war der Preis des weißen Goldes.
Beim Sieden entstanden die „mieles“, die Honige, die mit Bienen nichts zu tun hatten. Aus ihnen wurde der remiel gewonnen, der nach Flandern, nach Frankreich und gelegentlich in die Berberei, nach Nordafrika, ging. Das Wort „miel“ gab es also schon in den Zuckermühlen, nur bedeutete es etwas ganz anderes als heute auf einer Flasche Ronmiel.
Die Blütezeit reichte vom Ende des 15. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nahm die Konkurrenz der Plantagen in Amerika und an der Küste des heutigen Marokko den Gewinn weg, und Ende des 17. Jahrhunderts waren nur noch drei Mühlen übrig: Adeje im Süden Teneriffas sowie Tazacorte und Argual auf der Westseite von La Palma. Die erste ausgegrabene kanarische Zuckermühle ist Las Candelarias in Agaete, die der Genuese Francisco de Palomares 1494 baute; ihre Reste kamen 2005 zum Vorschein. Über Agaete und den Puerto de las Nieves haben wir im Artikel der Serie vom 29. Oktober geschrieben.
Und der Rum? Die Spezifikation datiert, gestützt auf nicht näher genannte „Literatur“, den ersten kanarischen Branntwein (aguardiente) auf das Jahr 1500, gebrannt von den Mönchen des Klosters San Francisco in Las Palmas. Die industrielle Destillation kam laut dem Historiker Luxán Meléndez erst mit dem „zweiten Zuckerzyklus“, den er zwischen 1852 und 1936 ansetzt.
Arucas, 9. August 1884
In Arucas, im Norden von Gran Canaria, beherrschte das Zuckerrohr die Landschaft gleich zweimal. Im 16. Jahrhundert brachten die vielen Zuckermühlen einen beachtlichen Aufschwung. Nach der Krise am Ende des Jahrhunderts kamen Wein und gemischte Landwirtschaft (über kanarische Weine und Bodegas gibt es einen eigenen Artikel), danach die Cochenilleschildlaus, die cochinilla. Als synthetische Anilinfarben diesem Geschäft Ende der 1870er-Jahre ein Ende machten, kehrte Arucas zum Rohr zurück, diesmal für die industrielle Verarbeitung.
Hier wurde am 9. August 1884 die Fábrica de San Pedro eröffnet, vor allem für Zucker, in kleinerem Umfang für Rohrbranntwein und Rum. Bei der ersten Mahlung 1885 wurden 5.619.540 Kilogramm Rohr verarbeitet. Die Fabrik erhielt von der Regentin María Cristina den Titel eines Hoflieferanten des Königshauses. Das Jahr nennt das Unternehmen nicht, das Fremdenverkehrsamt von Gran Canaria schreibt 1892.
Wann aus der Zuckerfabrik eine reine Brennerei wurde, darüber sind sich die Quellen nicht einig, aber in allen steht derselbe Name. Laut Directo al Paladar, einem spanischen Genussmagazin, stand die Fabrik in den Zwanzigerjahren kurz vor der Schließung, und Alfredo Martín Reyes, der Verwaltungschef des Unternehmens, kaufte sie mit Partnern und baute sie zur Brennerei um. Laut dem Blog des Fremdenverkehrsamts von Gran Canaria eröffnete er sie 1935 wieder, nun nur noch für Rum. Die Firmengeschichte selbst nennt die Vierzigerjahre, als Martín Reyes die Fabrik bereits leitete, und damals entstand der Name Ron Arehucas, „el de las llaves“, der mit den Schlüsseln, nach dem Petrus-Symbol auf den Etiketten. Seit 1965 trägt die Fabrik den Namen Destilerías Arehucas. Währenddessen gehörten die Felder von Arucas einen großen Teil des 20. Jahrhunderts schon der Banane, darüber kannst du in diesem Artikel lesen.
Nach eigener Darstellung bewahrt das Unternehmen einen der größten und ältesten Rumkeller Europas, und laut seiner offiziellen Seite lagern im Besucherkeller 4700 Fässer aus amerikanischer Eiche, ein Teil davon mit Unterschrift. Der Blog des Fremdenverkehrsamts nennt unter den Unterzeichnern Johan Cruyff, Tom Jones, Plácido Domingo, Alfredo Kraus, Montserrat Caballé, Willy Brandt und Anatoli Karpow. Wie viele signierte Fässer es gibt, wissen wir nicht genau: Ein undatierter Blogbeitrag des Unternehmens spricht von rund dreihundert, nennt darin aber noch 4308 Fässer, nicht 4700. Die beiden Zahlen stammen aus verschiedenen Zeiten.
Nach Angaben des Unternehmens kommen jährlich mehr als 95.000 Besucher. 2006 kaufte es die Fábrica de Licores Artemi und wurde damit nach eigener Aussage zur größten Spirituosengruppe der Kanaren.
Aldea: neunzig Jahre aus Zuckerrohrsaft
In La Aldea de San Nicolás auf Gran Canaria gründete der 1872 geborene Manuel Quevedo Alemán 1936 die Destilería San Nicolás, um Ron Aldea herzustellen. Damit ist 2026 das neunzigste Jahr des Unternehmens, und auf seiner Website gibt es eigens einen Bereich „90 Aniversario“.
Quevedo entschied sich für die direkte Destillation des Zuckerrohrsafts, des guarapo, obwohl das Unternehmen selbst schreibt, dass dies weniger rentabel und weniger effizient ist. Die EU-Verordnung erlaubt die Angabe „agrícola“ beim Rum nur für die geografischen Angaben der französischen Überseedepartements und Madeiras, und die Kanaren gehören nicht dazu.
Sein Sohn Carmelo Quevedo verlegte die Brennerei nach La Palma, nach San Andrés y Sauces. Laut Unternehmen geschah das Mitte der Fünfzigerjahre, andere Quellen nennen andere Jahre. Bis heute wird dort der Rohrsaft gebrannt, über einem von Hand regulierten Holzfeuer, in der Brennblase, die Manuel Quevedo 1936 bauen ließ.
Das Rohr wird von Bauern aus La Palma angebaut und von Hand geschnitten. Laut ADER La Palma, dem Entwicklungsverband der Insel, gibt es auf der ganzen Insel nur 4,3 Hektar Zuckerrohr, und die Ernte geht fast vollständig in den Rum. Laut Rumporter, einer Fachzeitschrift für Rum, liegt die Brennerei kaum hundert Meter von den Meerwasserbecken des Charco Azul entfernt. Der Ronmiel von Aldea wird aus Bienenhonig von La Palma und dem weißen Rum des Hauses, dem Ron Aldea Blanco, hergestellt.
Was wir nicht wissen
Wir wissen nicht, wann auf den Inseln zum ersten Mal Rum hergestellt wurde. Laut einem Sprecher von Arehucas wurde er im 18. Jahrhundert sicher schon gemacht, nur nicht Rum genannt, und ob schon früher, weiß man nicht. Die Jahreszahl 1500 in der Spezifikation stammt aus nicht näher genannter Literatur, deren Quelle wir nicht gesehen haben.
Wir wissen nicht, was aus dem anderen Eintrag der EU-Liste von 2008 geworden ist. Neben „Ronmiel de Canarias“ steht in einer eigenen Zeile auch der bloße „Ronmiel“, ebenfalls als spanische geografische Angabe. Ob er heute noch geschützt ist, konnten wir dem EU-Register nicht entnehmen. Wir wissen auch nicht, wer heute die eingetragenen Hersteller des Ronmiel de Canarias sind: Auf der Seite des ICCA gibt es keine öffentliche Liste.
Das Jahr des königlichen Titels, den Zeitpunkt der Übernahme durch Martín Reyes und das Jahr des Umzugs von Aldea geben die Quellen unterschiedlich an, und wir entscheiden das nicht an ihrer Stelle.
Wie man ihn trinkt und warum das wichtig ist
Artemi, das zu Arehucas gehört, empfiehlt seinen Ronmiel als Aperitif oder Digestif und je nach Anlass mit etwas Sahne und Zimt. Aldea empfiehlt ihn zu halbfestem und festem Käse, Nüssen und Blätterteiggebäck. Über die kanarischen Süßspeisen, auch über Bienmesabe, haben wir in unserem Artikel über die kanarische Küche geschrieben.
Wenn du eine Flasche mit nach Hause nehmen willst, lohnt sich ein Blick aufs Etikett. Der Name „Ronmiel de Canarias“ bedeutet, dass er auf den Inseln nach den Regeln der Produktspezifikation hergestellt wurde. Steht auch das Wort „selecto“ darauf, ist der Honig laut Spezifikation kanarischen Ursprungs, und auch der Rum wurde auf den Kanaren hergestellt. Und die Süße kann täuschen: Ronmiel hat zwischen 20 und 30 % Alkohol. Laut einer Pressemitteilung des spanischen Gesundheitsministeriums (Ministerio de Sanidad) von 2020 gilt: „no existe un nivel de consumo seguro“, es gibt also keine sichere Menge beim Alkoholkonsum.
Wenn ein Getränk Rum im Namen trägt und rechtlich trotzdem keiner ist, was entscheidet dann, was im Glas ist: das, was hineingekommen ist, oder das, was das Papier darüber sagt?
Wo du ihn dir ansehen kannst
Ein Besuch bei Destilerías Arehucas in Arucas dauert laut Unternehmen etwa eine Stunde, und es weist darauf hin, dass das Besucherzentrum wegen Überfüllung oder Veranstaltungen manchmal vor dem regulären Ende der Öffnungszeit schließt. Öffnungszeiten und Tickets findest du auf der offiziellen Seite. Unser Eintrag dazu: Destilerías Arehucas. Wenn du schon in Arucas bist: In der Stadt steht die Kirche San Juan Bautista, darüber der Aussichtspunkt der Montaña de Arucas.
Auf La Palma betreibt Aldea das Informationszentrum für Zuckerrohr und Rum (Centro de Interpretación de la Caña del Azúcar y del Ron). Die Bedingungen für den Besuch und die Buchung findest du auf der offiziellen Seite.
Die weiteren Sehenswürdigkeiten der beiden Inseln haben wir hier gesammelt: Was man auf Gran Canaria sehen muss und Was man auf La Palma sehen muss. Die Museen und Restaurants von Gran Canaria findest du in unserem Reiseführer.
Quellen: Gobierno de Canarias, ICCA: Produktspezifikation des Ronmiel de Canarias (expediente técnico) und die Ronmiel-Seite des ICCA; BOE, Orden APA/3941/2006 (mit dem Text der kanarischen Verordnung vom 21. September 2005); Verordnungen 2019/787 und 110/2008 der Europäischen Union (DOUE); GOV.UK, Defra, Ronmiel de Canarias; J. Márquez Rodríguez, „Oro blanco: la arqueología del azúcar en Canarias“ (Teoría y Práctica de la Arqueología Histórica Latinoamericana, 2022); Díaz Hernández und Hernández Padrón, historisch-kultureller Rundgang durch Arucas (Cliocanarias, Universität La Laguna, 2022); G. Trujillo Méndez, Abschlussarbeit über die Ausstattung der ehemaligen Rumfabrik in Tejina (Universität La Laguna, 2024); offizielle Website von Destilerías Arehucas (Conócenos, Visítanos, Productos, Blog); Turismo de Gran Canaria (Museo y Fábrica del Ron; El templo del ron en Gran Canaria); offizielle Website von Destilerías Aldea (Historia, Elaboración, Ronmiel, 90 Aniversario, Visítanos); ADER La Palma; Rumporter (2019); Artemi; Directo al Paladar (2024); Ministerio de Sanidad, Pressemitteilung (2020).
Titelbild (zugeschnitten): die Brennerei Destilerías Arehucas von der Montaña de Arucas aus, Arucas, Gran Canaria. Wolfgang Sauber, CC BY-SA 4.0, über Wikimedia Commons. Der Zuschnitt steht unter derselben Lizenz.