Traditioneller Timple aus Lanzarote mit fünf Saiten und eingelegter Rosette in einer Vitrine der Casa-Museo del Timple in Teguise
i24Esther•24. Oktober 2026

Der Timple: die kleine Gitarre der Kanaren

Auf einer kanarischen Romería hörst du ihn früher oder später: Jemand schlägt eine ganz kleine Gitarre an, und ihr Klang schneidet über den Platz, durch die Gespräche, sogar durch den Chor. Das ist der Timple. In unserem Artikel über die Feste tauchte er nur in einer Aufzählung auf, neben Gitarre und Chor (Feste und Fiestas auf den Kanaren). Jetzt ist das Instrument selbst an der Reihe.

Heute ist er eines der klingenden Wahrzeichen der Inseln. Nur erzählt dieser Satz das Ende der Geschichte, nicht ihren Anfang.

Darunter liegt ein seltsamer Widerspruch: Das Wahrzeichen ist jünger, als du denkst, das Wort dagegen älter. Wenn du das Instrument mit eigenen Augen sehen willst: Auf Lanzarote, in Teguise, hat es ein eigenes Museum, und am Ende des Artikels erfährst du, wann es dort das nächste Mal erklingt.

Was ist ein Timple

Laut der Casa-Museo del Timple ist er ein Zupfinstrument, auf den ersten Blick eine kleine Gitarre, die mit der rechten Hand geschlagen wird (rasgueando, also im Schlagstil). Er klingt hoch und sehr laut, und seine traditionelle Rolle ist die Begleitung bei den Parrandas, den spontanen musikalischen Zusammenkünften. Das historische Wörterbuch der Spanischen Akademie (RAE) hebt seinen schmalen Resonanzkörper mit gewölbtem Boden hervor und nennt vier bis fünf Saiten.

Der heute übliche Timple hat fünf Saiten. Die erste und die vierte sind die höchsten, die zweite und die fünfte tiefer und gleich dick, die dritte ist die dickste und tiefste. Laut dem Bildungswiki der Kanarischen Regierung ist die allgemeine Stimmung D, A, E, C, G (re, la, mi, do, sol). In einigen Gegenden Teneriffas spielt man ihn mit vier Saiten: Man nimmt die fünfte ab und stimmt anders, aber einen als Viersaiter gebauten Timple gibt es nicht, das ist eine örtliche Anpassung.

Die Decke ist meist aus Kiefer, Boden und Zargen aus Palo Santo oder Maulbeerholz (moral). Die Saiten waren früher aus Darm, heute sind sie aus Nylon.

Und hier kommt der Satz, auf dem der ganze Artikel aufbaut. Laut der FEDAC, der Ethnografie-Einrichtung des Cabildo de Gran Canaria, ist der Timple nicht das älteste Instrument der Inseln und doch zum klingenden Symbol ihrer Tradition geworden. Er war es nicht, er wurde es.

Ein Wort, das älter ist als der Ruhm des Instruments

Der Name kommt von „tiple“, so heißt das höchste Mitglied einer Instrumentenfamilie. Das Museum und die RAE erklären den Unterschied auf dieselbe Weise: Aus „tiple“ wurde durch ein eingeschobenes „m“ der „timple“, die Sprachwissenschaft nennt das Epenthese.

Auf den Kanaren stammt die erste bekannte Erwähnung von 1792. Beim Besuch von Bischof Antonio Tavira auf Fuerteventura begleitete der „tiplillo“, ein kleiner Tiple, den Schwerttanz (danza de las espadas). Danach folgen immer mehr Erwähnungen, ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schon viele.

Das Wort „timple“ selbst taucht allerdings nicht zuerst hier auf, sondern in Murcia. Nach den Daten der RAE druckte es 1845 eine Madrider Zeitschrift, der Semanario Pintoresco Español, in einem Beitrag mit dem Titel „El huertano de Murcia“, und auch spätere Belege zeigen, dass man in Murcia diese Form bevorzugte. Um 1860 nahm Benito Pérez Galdós das Wort „Timple“ bereits in seine kanarischen Wörter auf, die „Voces canarias“, und um 1861 schrieb er vom „prosaischen Timple“, der zusammen mit dem Dudelsack (gaita) die alten Instrumente verdrängt habe. Falls dich Galdós auch interessiert: Casa-Museo Pérez Galdós.

Eine Zeitung aus Las Palmas nannte 1953 schon den Spieler selbst einen Timple, und das Wörterbuch der RAE verzeichnete das Wort 1984 als kanarisch und murcianisch.

Das Wort war also lange vor dem regelmäßigen Bau des Instruments da. Darum geht es im nächsten Teil.

Teguise, eine Werkstatt und ein Mann

Wenn man die Geschichte des Timple an einem einzigen Ort festmachen muss, dann in Teguise auf Lanzarote. Über den Ort selbst haben wir in unserem Lanzarote-Artikel geschrieben, hier geht es nur um seine Werkstätten.

Laut dem Museum arbeiteten die ersten ständigen Timple-Bauer auf Lanzarote, und die Schlüsselfigur ist Simón Morales Tavío, der Mitte des 20. Jahrhunderts begann, das Instrument systematischer zu bauen. Laut dem Stadtarchiv von Teguise wurde er am 30. Oktober 1897 im Dorf Soo geboren. Sein Vater nannte das Instrument „tiple“, und nach dessen Form baute er ein ähnliches.

In den Vierzigerjahren waren Simóns Timples schon auf dem ganzen Archipel bekannt, und als 1943 auf Lanzarote eine Handwerksschule (Escuela de Artesanía) gegründet wurde, bekam deshalb Teguise ihren Sitz. Simón starb am 5. Dezember 1967 in Las Palmas de Gran Canaria, wohin er zu einem Arzt gereist war. Seine Instrumente findest du heute im Musikmuseum in Barcelona, in New York und in der Casa-Museo in Teguise.

Die Werkstatt lag im Viertel Vera Cruz, wo der Timple von Lanzarote seinen Anfang nahm. Die Tür des „Taller de Artesanía“ ist seit dem 12. April 2013 geschlossen. Laut dem Museum spielte Teguise mit seinen Handwerkern eine grundlegende Rolle dabei, dass der Timple auch auf die anderen Inseln kam.

Wie Schallplatten, Fernsehen und Konzertsäle ein Wahrzeichen schufen

Woher kommt dann das Wahrzeichen? Der Forscher José Luis Hernández Ramos fasste es 2022 im Diario de Avisos so zusammen: Der Timple war ein schlichtes Begleitinstrument, auf das manche sogar ein wenig herabsahen, und wurde von dort zu einem der Symbole der Kanaren.

Leocadio Machado wirkte Mitte des 20. Jahrhunderts an der ersten Schallplattenaufnahme mit, auf der ein Timple zu hören war. Schallplatten und später das Fernsehen, darunter die Sendung Tenderete, machten ab den Sechziger- und Siebzigerjahren die Timple-Spieler aus Teneriffa bekannt. Was das Wort „tenderete“ bedeutet, findest du in unserem kanarischen Wörterbuch für Touristen.

Totoyo Millares gründete 1954 die erste Timple-Schule, in der Tausende von Schülern lernten. Er war an der Gründung von Los Gofiones (1969) beteiligt und 1983 an der Gründung des ersten Orquesta Popular del Timple. Er starb 2022 im Alter von 86 Jahren.

In den Neunzigerjahren kam eine neue Generation, und sie brachte das Instrument auf neues Terrain: José Antonio Ramos in den Jazz, Domingo Rodríguez „El Colorao“ in die Volksmusik, Benito Cabrera in die sinfonische Musik. Ramos begann mit neun Jahren bei Millares zu lernen, und er entwickelte den elektroakustischen Timple, den die Instrumentenbauer Jesús Machín und Juan Molina bauten. Er starb 2008. Cabrera gab 2009 ein Konzert in der New Yorker Carnegie Hall und sagte vorher: Mit einem Timple in die Carnegie Hall zu kommen sei, als würde man mit einer Tasche voller kleinster Münzen den größtmöglichen Ort betreten.

Was das amtliche Papier sagt, und was nicht

Die stärkste formelle Anerkennung ist eine Bildungsverordnung. Das Real Decreto 300/2019 schuf das Fach Timple in der beruflichen Musikausbildung und hält fest, dass der Timple „ein Element der Identität der kanarischen Musik“ ist und zugleich das typischste Instrument der einheimischen kanarischen Musik. Laut einer Mitteilung der Kanarischen Regierung vom April 2019 gehörte der Timple in jenem Schuljahr schon zu den Instrumentalfächern der Grundstufe an den Konservatorien.

Ein BIC (Bien de Interés Cultural) ist der Timple aber nicht, er hat also die höchste kanarische Denkmalschutzkategorie nicht erhalten. Das Kanarische Parlament forderte die Regierung im Mai 2025 einstimmig nur dazu auf, zu prüfen, ob er als immaterielles Kulturerbe zum BIC erklärt werden kann, und die traditionellen Instrumentenbauer zu unterstützen. In der Debatte fiel der Satz: „Wo ein Timple ist, ist ein Stück Kanaren.“ Im Mai 2026 sagte der für das Kulturerbe zuständige Generaldirektor, dass es auf den Inseln 456 BIC gebe und die Kategorie „eher zu einer Prestige- als zu einer Schutzfigur“ werde.

Es gibt auch eine Stimme, die die Geschichte vom Wahrzeichen selbst hinterfragt. Die Doktorarbeit von Víctor Landeira, 2020 an der Universität La Laguna (ULL) verteidigt, untersucht die gesellschaftliche Rolle des Timple seit dem Ende des 18. Jahrhunderts und kritisiert die Erzählung, die ihn zum Identitätsinstrument erhebt. Nach seiner Arbeit haben daran auch die Massenmedien und die Schallplattenaufnahmen großen Anteil. Wenn dich das andere klingende Erbe der Inseln interessiert, über die Pfeifsprache von La Gomera haben wir hier geschrieben: Silbo gomero, die Pfeifsprache von La Gomera.

Was wir nicht wissen

Wir wissen nicht, woher der Timple genau kommt. Laut dem Bildungswiki der Kanarischen Regierung gibt es kein Dokument, das seine genaue Herkunft belegt. Anerkannt ist dagegen seine Verwandtschaft mit den Gitarren und Vihuelas der Renaissance und des Barock, die laut dem Museum Portugiesen und Kastilier auf ihren Fahrten zu den Kanaren und nach Südamerika mitbrachten.

Das Museum schreibt selbst, dass es kaum Studien gibt, die seine Vorläufer klar und belegt klären. Einen möglichen afrikanischen Einfluss schließt es nicht aus, die europäische Herkunft hält es aber für eindeutig, denn der Timple ist verwandt mit dem bolivianischen Charango, dem venezolanischen Cuatro, der hawaiianischen Ukulele, dem spanischen Guitarro und dem portugiesischen Cavaquinho. Eine konkrete Theorie zu einem berberischen Ursprung haben wir in keiner verlässlichen Quelle gefunden.

Die Gitarrenschulen des 18. Jahrhunderts, die Bücher von Pablo Minguet (1752) und Andrés de Soto (1760), beschreiben den „Tiple“ als kleine Gitarre zum Begleiten und zum „Lärmmachen“. Landeira warnt in einer Studie von 2016 allerdings, dass diese Bücher nicht immer richtig gedeutet wurden. Laut Hernández Ramos entstand der Timple auf den östlichen Inseln, Lanzarote und Fuerteventura, und kam über den Hafen von Santa Cruz nach Teneriffa. Und die erste Erwähnung von 1792 zitiert nur die Tafel des Museums, die Originalaufzeichnung von Bischof Tavira haben wir nicht gesehen.

Für den Spitznamen „camellito“, also kleines Kamel, gibt es zwei Erklärungen, und die passen nicht zusammen. Laut dem Museum und dem Tourismusamt von Gran Canaria hieß er so wegen der buckelartigen Wölbung (peta) seines Bodens. Laut dem Archiv von Teguise hatte Simón Morales früher auch Boote gebaut und die Form des Schiffskiels auf seine Timples übertragen, daher der Name. Welche stimmt, wissen wir nicht.

Warum das heute zählt

Laut dem Bildungswiki gibt es keine einheitliche Bauweise: Jede Werkstatt arbeitet mit eigenen Schablonen, mit anderen Maßen und anderem Schmuck. Antonio Nuez Santana aus Telde baute dreißig Timples im Monat, mehr als sechzig Jahre lang. Zu Beginn der Forschung von Hernández Ramos umfasste die Liste der Instrumentenbauer auf Teneriffa rund zehn Namen, am Ende etwa fünfzig.

Germán López wollte Gitarre spielen, aber seine Finger reichten kaum an die Saiten, also riet ihm ein Lehrer, mit dem Timple anzufangen. Sein Meister wurde José Antonio Ramos, und heute ist er selbst ein anerkannter Timple-Spieler.

Wenn ein Instrument zum Symbol eines Volkes wird, weil es auf Schallplatte aufgenommen wird und auf den Bildschirm kommt, gehört es ihm dann weniger, als wenn es das schon immer gewesen wäre?

Wo du ihn hören und sehen kannst

Die Casa-Museo del Timple liegt in Teguise, im Palacio de Spínola. Gegründet hat sie die für das Kulturerbe zuständige Direktion der Kanarischen Regierung, betrieben wird sie von der Gemeinde Teguise, und ihr Direktor ist Benito Cabrera. In einem Saal sind die Verwandten des Timple aus aller Welt zu sehen, und wegen seiner guten Akustik dient er auch als kleiner Konzertsaal. Ein anderer zeigt Timples mit neuester Technik, und dazu gibt es eine nachgebaute Handwerkswerkstatt. 2026 wird das Museum fünfzehn Jahre alt. Öffnungszeiten und Anfahrt findest du auf der Tourismusseite von Teguise. Wenn du schon dort bist: Der Markt von Teguise und das Piratenmuseum im Castillo de Santa Bárbara liegen gleich in der Nähe.

Aus dem Programm 2026 des Museums stehen nach dem Erscheinen dieses Artikels noch diese Termine an:

  • 20. November, 20:00, Casa-Museo del Timple: „Noches de Timple y Vino“, die Begrüßung der jungen Weine des Jahres mit dem Programm „Archipiélago inverso“, mit dem Timple-Spieler José Luis Hernández und dem Gitarristen Samuel Delgado, beide Lehrer am Musikkonservatorium von Teneriffa. Über den neuen Wein haben wir hier geschrieben: Weinlese auf den Kanaren: Wein und Bodegas.

  • 13. Dezember, 12:00, Convento de Santo Domingo, Teguise: „Menudos timplistas“, die jährliche Vorführung der Schülerinnen und Schüler der Musikschulen Lanzarotes.

Das ganze Programm findest du auf der offiziellen Website des Museums. In Agüimes kehrt im Dezember „Agüimes en Cinco Cuerdas“ zurück, ein Konzert rund um den Timple mit Germán López, Benito Cabrera und El Colorao gemeinsam auf der Bühne, den Termin findest du in unserem Veranstaltungskalender. Weitere Konzerte und Feste ergänzen wir laufend in unserem Veranstaltungskalender.


Quellen: Casa-Museo del Timple (casadeltimple.org: Orígenes, Teguise, Programm 2026); Ayuntamiento de Teguise, Tourismus und Gemeindenachrichten (2022); Archivo Histórico Municipal de Teguise; RAE, Diccionario histórico de la lengua española und Tesoro de los diccionarios históricos; FEDAC, Cabildo de Gran Canaria (culturatradicionalgc.org); Kanarische Regierung, Bildungswiki (CanariWiki) und Pressemitteilung (2019); BOE, Real Decreto 300/2019; Boletín Oficial del Parlamento de Canarias, Nummer 199 (2025); elDiario.es Canarias Ahora (2025, 2026); Diario de Avisos (2022); RTVC (2022); Canarias7 (2024); Ayuntamiento de Artenara; offizielle Website von Benito Cabrera; Turismo de Gran Canaria; Dialnet (V. Landeira Sánchez, 2016 und 2020); isladelanzarote.com (2026).

Titelbild (zugeschnitten): ein traditioneller Timple in einer Vitrine der Casa-Museo del Timple in Teguise. Respubliko de Gvapolando, CC BY-SA 4.0, über Wikimedia Commons.

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