
Traditionelle kanarische Sportarten: was du da eigentlich siehst
Es gibt einen unbeholfenen Moment, den fast jeder erlebt, der auf einem kanarischen Dorffest bleibt. Plötzlich drängen sich die Leute um einen Sandkreis, zwei Männer greifen sich an die Hose, und zehn Sekunden später liegt einer am Boden und alle schreien.
Niemand erklärt etwas, denn für die Leute dort gibt es nichts zu erklären.
Das sind keine Vorführungen für Besucher. Es sind Wettkämpfe mit Verband, Regelwerk, Liga und Schiedsrichtern, die zugleich zum Festprogramm gehören. Und mit vier Angaben versteht man sie deutlich besser.
Der kanarische Ringkampf: Terrero, Brega, Fall
Das ist die traditionelle Sportart des Archipels schlechthin und die, der du am ehesten begegnest.
Gekämpft wird im Terrero, einer kreisförmigen Fläche aus Sand oder festgetretener Erde. Genau genommen sind es zwei Kreise mit gemeinsamem Mittelpunkt, 15 und 17 Meter im Durchmesser, und obenauf liegen etwa fünf Zentimeter feiner Sand, damit die Stürze niemanden verletzen.
Die Mannschaften bestehen aus je zwölf Ringern. Sie treten paarweise an, und jeder einzelne Kampf heißt Brega. Er beginnt aus einem sehr bestimmten Griff: linke Hand am rechten Hosenbein des Gegners, beide vorgebeugt.
Von da an ist die Regel einfach, und deshalb geht es so schnell: Wer mit irgendeinem Körperteil außer der Fußsohle den Boden berührt, verliert. Ein Knie zählt. Eine Hand zählt.
Sehenswert ist dabei nicht die Kraft. Jeder Ringer hat sein eigenes Repertoire an Kniffen, um das Gleichgewicht des anderen zu brechen, und du wirst riesige Männer von deutlich kleineren zu Fall gebracht sehen. Das ist kein Zufall, das ist der Witz an der Sache.
Stockkampf: Juego del Palo und Lucha del Garrote
Hier wird nicht geschlagen. Das überrascht die meisten am meisten.
Beim Juego del Palo treten zwei Gegner mit Stöcken dreier verschiedener Längen an: dem kurzen Stock oder Macana, dem mittleren oder Vara, und dem langen, der je nach Insel Lata, Astia, Lanza oder Garrote heißt und etwa drei Meter misst.
Ziel ist nicht, den anderen zu treffen, sondern auszuweichen, abzulenken und den Abstand zu kontrollieren. Von außen wirkt es deshalb weniger wie ein Kampf als wie ein sehr schnelles Gespräch. Heute lebt es vor allem als Vorführung weiter, auf Festen und unter Bekannten.
Der Hirtensprung: drei Meter Holz mit Eisenspitze
Dieser hier begann nicht als Sport, sondern als Fortbewegungsart.
Die Hirten der Inseln überwanden Schluchten und unmögliche Hänge mit Hilfe einer hölzernen Lanze und stiegen damit Gefälle hinab, die zu Fuß waghalsig gewesen wären. Das ist der Salto del Pastor, auch Brinco Canario genannt.
Der Stab misst etwa drei Meter, ist massiv und trägt an der Spitze einen Metallbeschlag namens Regatón, der sich im Fels verhakt. Der Sprung besteht darin, das Gewicht darauf zu verlagern und den Abstieg zu kontrollieren.
Wenn du eine Vorführung siehst, achte auf den Regatón. Die ganze Technik hängt davon ab, wohin er gesetzt wird.
Die anderen, die dir ebenfalls begegnen
Die Regierung der Kanaren führt mehrere weitere traditionelle Spiele und Sportarten, und alle tauchen in Festprogrammen auf:
Steinheben und Pflugheben: genau das, wonach es klingt, das Gewicht des früheren bäuerlichen Lebens als Wettkampf.
Bola Canaria: wird auf festgetretener Erde gespielt und ist von allen am leichtesten zu finden, an jedem Nachmittag in jedem Dorf.
Vela Latina: Boote mit einem für ihre Größe gewaltigen Segel, typisch für die Bucht von Las Palmas. Vom Ufer aus gut zu sehen.
Ochsenziehen: Gespanne, die Gewicht ziehen. Es steht nicht mit den übrigen auf der Unterrichtsliste der Regierung, hat aber einen ernsthaften Wettbewerb: Das Finale des wichtigsten Concurso trägt den Namen Trofeo Gobierno de Canarias.
Wo und wann du sie wirklich zu sehen bekommst
Du musst keine besondere Veranstaltung suchen. Du musst ein Fest suchen.
Eine Luchada ist ein Treffen im kanarischen Ringkampf und gehört zum Programm sehr vieler Patronatsfeste, vor allem im Sommer und im September. Bei den großen Festen kommen Ziehwettbewerbe und Stockkampf-Vorführungen dazu.
Der September ist dicht damit. Auf Teneriffa etwa umfassen die Feste des Stadtpatrons von La Laguna eine institutionelle Luchada und wenige Tage später das Finale des Ochsenzieh-Wettbewerbs. Über jenes Fest und seinen Aufbau schreiben wir gesondert.
Was in den nächsten Tagen ansteht, Insel für Insel, steht in der Agenda. Wer verstehen will, in welche Feste das eingebettet ist, findet das im Leitfaden zu Festen und Fiestas auf den Kanaren und, Monat für Monat auf Teneriffa, unter Feste und Veranstaltungen.
Zwei praktische Hinweise für den Tag, an dem es dir passiert. Der Eintritt ist meist frei, und reservierte Plätze gibt es für niemanden: Man steht, und es wird voll. Und wenn dich jemand zu einem Terrero einlädt, geh hin. Besser bekommst du es nicht zu sehen, und niemand erwartet, dass du die Regeln kennst.
Titelbild: „Homenaje a la Lucha Canaria" (Juan Miguel Cubas), Morro Jable, Fuerteventura. Fotografie: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.

