Der Kopf einer Rieseneidechse von El Hierro (Gallotia simonyi) aus der Nähe, auf vulkanischem Gestein in einem Gehege des Erhaltungszentrums ruhend
i24Esther•27. Oktober 2026

Die Rieseneidechse von El Hierro

Wenn du schon einmal auf den Kanaren warst, hast du Eidechsen gesehen. Auf der Terrassenmauer oder dem Steinwall sonnen sie sich, und bis du hinschaust, sind sie schon in einer Ritze verschwunden.

Auf El Hierro lebt eine Verwandte von ihnen, über die man den größten Teil des 20. Jahrhunderts schrieb, es gebe sie nicht mehr. Das ist der Lagarto gigante de El Hierro, die Rieseneidechse von El Hierro.

Wenn du sie sehen willst, such sie nicht in den Felsen. Der einzige bekannte natürliche Bestand lebt an fast unzugänglichen Steilwänden, und die kleine Felsinsel, auf der sie erfolgreich wieder angesiedelt wurde, darf man nur zu wissenschaftlichen oder Naturschutzzwecken betreten. Zu sehen ist die Rieseneidechse im Erhaltungszentrum, das zum Ecomuseo de Guinea in der Gemeinde Frontera gehört. Besuchsregeln und Preise findest du auf der Website des Betreibers, denn der Betreiber weist selbst darauf hin, dass sich die Zeiten ändern können.

Diese Geschichte handelt aber nicht nur von einer Eidechse. Es geht auch darum, wie die Wissenschaft eine Art verlieren kann, während ein paar Menschen die ganze Zeit wissen, wo sie lebt.

Eine Eidechse, die als ausgestorben galt

Archäologischen Funden zufolge lebte die Rieseneidechse einst auf fast der ganzen Insel, außer in den feuchten Bergwäldern, wo es zu nass war, um ihre Körpertemperatur zu regulieren. Radiokarbondatierungen von Resten aus La Dehesa zeigen, dass sie noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts relativ häufig war; deshalb könnte der Einfluss der Ureinwohner laut dem Rettungsplan von 2026 sogar nur symbolisch gewesen sein. Der drastische Rückgang begann mit der Ankunft der Europäer im 15. Jahrhundert, vor allem durch eingeschleppte Ratten und Katzen.

Die Wissenschaft begegnete ihr zum ersten Mal im August 1889: Damals wurden die ersten Exemplare auf dem Roque de Salmor gefangen, einer Felsinsel vor der Küste. Noch im selben Jahr beschrieb Franz Steindachner die Art und benannte sie nach seinem Schüler, dem österreichischen Geologen Oscar Simony (1852-1915), der die Tiere gefangen hatte. Heute lautet ihr wissenschaftlicher Name Gallotia simonyi.

Dann verschwand der Bestand auf Salmor. Laut der Ausgabe 2002 des spanischen Roten Buchs geschah das um 1935, laut dem Plan von 2026 bis in die 1940er-Jahre, nach beiden Quellen wegen der Sammler. Das genaue Jahr kennen wir nicht, die Folge schon: Die Art galt als ausgestorben.

Kot aus Knetmasse in einer Streichholzschachtel

Es gab aber Menschen, die wussten, dass sie nicht ausgestorben war. Am Südende des Risco de Tibataje, an der Fuga de Gorreta, überlebte ein kleiner Bestand, den nur die Ziegenhirten kannten. Aufmerksam darauf machten die Befragungen, die der Forscher A. Salvador 1971 durchführte.

1974 reiste Werner Bings, deutscher Architekt und Reptilienzüchter, gestützt auf Salvadors Angaben und das Wissen der Hirten nach El Hierro, um herauszufinden, ob die Art noch lebte, und falls ja, ein lebendes Paar zu fangen, das er in Deutschland züchten konnte.

Laut einem Buch der Kanarischen Regierung und des Cabildo aus dem Jahr 2000 brachte Bings nur einen einzigen Anhaltspunkt mit: eine Nachbildung des Eidechsenkots aus Knetmasse in einer Streichholzschachtel, dazu ein Foto der Gran-Canaria-Eidechse. Der Hirte Juan Machín erkannte sie wieder, und Bings beauftragte ihn mit dem Fang.

Während Bings fort war, fingen Juan Machín und sein Enkel Juan Pedro Pérez ein Paar, an einer Stelle der Fuga de Gorreta, die das Buch Paso el Pino nennt. Die beiden Tiere sollten ins Ausland gebracht werden, doch dazu kam es nicht: Der Regierungsbeauftragte der Insel, Celestino Guillén Martín, und der Leiter der Forstwache, Zósimo Hernández Martín, griffen ein. Nach einer im Buch zitierten Erinnerung wurden die beiden Eidechsen zurückgebracht und an der Steilwand freigelassen.

Im folgenden Jahr machten Bings und Wolfgang Böhme, Leiter der herpetologischen Abteilung am Museum Alexander Koenig in Bonn, bekannt, dass an der Fuga de Gorreta ein kleiner Restbestand lebte. Der Artikel erschien 1975 in der Zeitschrift Salamandra.

Deshalb nennen manche Quellen 1974 als Jahr der Wiederentdeckung, andere 1975. Am einfachsten sagt man es so: 1974 fingen ein Hirte und sein Enkel ein Paar, 1975 bestätigte es die Wissenschaft.

Perico, der Enkel des Hirten

Der Enkel hieß Juan Pedro Pérez Machín, auf der Insel nannte man ihn Perico. Er blieb bei den Eidechsen: Ein wissenschaftlicher Artikel von 2026, dessen Erstautor der Leiter des Zuchtzentrums ist, dankt ihm „in memoriam“ für seine tägliche Arbeit mit den Rieseneidechsen im Zentrum. Das Zuchtzentrum, der Parque Zoológico, trägt heute seinen Namen.

Am 23. März 2026 übergab der Cabildo de El Hierro seiner Familie ein Telegramm von König Felipe VI., das Pericos Einsatz für den Schutz der Rieseneidechse würdigt. Am selben Tag erschien im kanarischen Amtsblatt der neue Rettungsplan für die Art.

Was wir über die Rieseneidechse sicher wissen

Der einzige bekannte natürliche Bestand lebt an der Fuga de Gorreta, an den fast unzugänglichen Steilwänden im Nordwesten der Insel, etwa zwischen 80 und 400 Metern Höhe.

Ausgewachsene Tiere können mit Schwanz mehr als 500 Millimeter lang werden. Die Rieseneidechse ist ein gedrungenes, bräunlich-schwarzes Tier mit zwei Reihen gelber Flecken an den Flanken, die nicht immer zu sehen sind. Überwiegend frisst sie Pflanzen, tierische Nahrung nur zu einem kleinen Teil.

Auf dem Roque Chico de Salmor wurde ein merkwürdiges Zusammenleben beobachtet: Die Eidechsen picken Heuschrecken aus der Nahrung, die Mittelmeermöwen hervorgewürgt haben, und aus deren Gewöllen.

Die Weibchen legen zwischen Juni und Juli ihre Eier, in Gefangenschaft im Schnitt 8,8; die Jungtiere schlüpfen Ende des Sommers und werden mit 3 bis 4 Jahren geschlechtsreif.

Nah verwandt ist sie mit den Rieseneidechsen von La Gomera und Teneriffa, und die Wissenschaft fasst die drei als „simonyi-Gruppe“ zusammen. Auf der Insel gilt sie zusammen mit dem Sabina-Wacholder als Symbol von El Hierro. Sowohl der kanarische Katalog der geschützten Arten als auch der spanische Katalog der bedrohten Arten führen sie in der Kategorie „en peligro de extinción“, also vom Aussterben bedroht.

Zucht, Schlammlawine, Wiederansiedlung

Die Zucht in Gefangenschaft begann 1985 in einer provisorischen Station in Frontera unter der Leitung von Carlos Naeslund und war schon ein Jahr später erfolgreich. 1995 entstand, kofinanziert über ein LIFE-Projekt der EU, das Zucht- und Forschungszentrum, das seitdem auch besucht werden kann. Der erste Rettungsplan wurde 2004 verabschiedet.

Im Januar 2007 lösten Wolkenbrüche eine Schlamm- und Gerölllawine aus, die einen Teil der Zuchtanlage in Guinea verschüttete. Dabei kamen 184 Eidechsen ums Leben. 2013 entstanden in El Matorral neue Terrarien, weiter entfernt von den Steilwänden.

Laut dem wissenschaftlichen Artikel von 2026 schlüpften zwischen 2006 und 2024, in den Jahren, für die Daten vorliegen, 1267 Jungtiere. 2024 schlüpften aus den Eiern von 15 Weibchen 98 Jungtiere, und ein Weibchen stellte mit 19 Eiern einen Rekord auf. Vor der Freilassung lernen die Jungtiere, ihre Fressfeinde zu erkennen: Greifvögel und verwilderte Katzen.

Laut dem Plan von 2026 gingen die ersten Wiederansiedlungen an drei Orte: den Roque Chico de Salmor, La Dehesa und El Julan. Gelungen ist es nur auf der Felsinsel, mit 21 Eidechsen 1999 und 15 ein Jahr später, insgesamt 36. Der Roque Chico de Salmor ist eine winzige, etwa 40 Meter hohe Felsinsel 0,8 Kilometer vor der Küste und laut Plan völlig frei von eingeschleppten Fressfeinden. In La Dehesa wurden 110, in El Julan 248 Eidechsen freigelassen; bei der Zählung 2007 waren davon noch etwa 2 beziehungsweise 4 übrig. Der Plan führt das Scheitern im Wesentlichen auf Katzen zurück.

Ende 2013 kamen 32 Eidechsen an die Punta de Agache im Norden und 35 an die Punta de Arelmo, Ende 2016 folgten 46 an der Punta de Miguel im Südosten und im November 2020 weitere 50 in Agache. Laut einem Bericht von RTVC wurden im November 2024 noch einmal 71 Eidechsen in Agache freigelassen, zum ersten Mal seit vier Jahren.

Was wir nicht wissen: wie viele Rieseneidechsen in Freiheit leben

Darauf gibt es heute keine genaue Antwort, und das sagen die Forschenden selbst.

Die Zahlen in den Quellen lassen sich nicht vergleichen, weil sie mit anderen Methoden, in anderen Gebieten und in anderen Jahren erhoben wurden; deshalb nennen wir sie nur mit Quelle und Jahr. Die Referenzschätzung des Plans von 2026, gestützt auf eine Arbeit von Trujillo aus dem Jahr 2008, lautet 345 Eidechsen auf 15,25 Hektar an der Fuga de Gorreta, doch die Unsicherheitsspanne reicht von 143 bis 738. Der wissenschaftliche Artikel von 2026 nennt für den Risco de Tibataje 354 Eidechsen im Jahr 2007 und 834 im Jahr 2019 und hält an derselben Stelle fest, dass die Zählungen nicht streng vergleichbar sind, sodass sich Größe und Entwicklung des Bestands nicht genau bestimmen lassen. Das spanische Rote Buch sprach 2002 auf Grundlage der beiden damals verlässlichen Zählungen von etwa 250 Tieren.

Die letzte Zählung auf dem Roque Chico de Salmor, die der Plan zitiert, stammt von 2007: 126 Eidechsen, mit einer Unsicherheitsspanne von 62 bis 254, und 58,33 Prozent der gefangenen Tiere waren unmarkiert, also bereits auf der Felsinsel geschlüpft. Eine neuere haben wir nicht gefunden.

In Agache und Arelmo wurde großer Kot gesehen, doch laut Plan gibt es über den Zustand dieser beiden möglichen Bestände keinerlei Informationen. Laut dem wissenschaftlichen Artikel war in Agache für 2026 eine Zählung geplant, die zuvor aus Geld- und Ressourcenmangel nicht stattfinden konnte. Ein veröffentlichtes Ergebnis haben wir beim Schreiben dieses Beitrags nicht gefunden. An der Punta de Miguel wurden 2018 schon keinerlei Spuren mehr entdeckt.

Auch die Zahl der Tiere in Gefangenschaft ist nicht eindeutig. Der Plan nennt für Ende 2021 auf Grundlage der ATAN-Daten von 2021 insgesamt 312 Tiere und nach der Arbeit von Bohórquez und Molina aus dem Jahr 2022 185, der wissenschaftliche Artikel von 2026 nennt 216, und die Kanarische Regierung sprach im Mai 2026 von mehr als 60 erwachsenen Tieren und 93 Jungtieren. Wir addieren diese Zahlen nicht und lesen auch keinen Trend aus ihnen ab.

Der Plan räumt außerdem ein, dass die genetische Vielfalt und Struktur des natürlichen und des wiederangesiedelten Bestands unbekannt sind.

Die Katzen, nach zwei Quellen

Laut dem Plan sind Katzen die größte Gefahr, und die besten Rieseneidechsen-Bestände des Archipels leben dort, wohin Katzen nicht gelangen. Weil die Rieseneidechse groß ist und spät geschlechtsreif wird, fällt sie mit größerer Wahrscheinlichkeit einer verwilderten Katze zum Opfer, bevor sie sich fortpflanzt.

Laut dem wissenschaftlichen Artikel von 2026 wurden bei den Kampagnen auf El Hierro zwischen 2001 und 2024 insgesamt 472 Katzen gefangen, davon 139 am Risco de Tibataje, 182 in La Dehesa und 143 in El Julan. Die Kampagnen wurden 2024 wegen der Einschränkungen des spanischen Tierschutzgesetzes eingestellt.

Der Rettungsplan von 2026 sieht eine fortlaufende Katzenkontrolle in den Lebensräumen der Eidechse und in deren Umgebung vor, mit hoher Priorität und mit selektiven Lebendfallen. Über das Schicksal der gefangenen Tiere wird im Einzelfall entschieden: Vermittlung, Umsiedlung in eine Katzenkolonie oder, wenn unvermeidbar, Einschläferung.

Ob seit der Verabschiedung des Plans wieder Fallen gestellt werden, wissen wir nicht.

Warum das heute zählt

Der neue Rettungsplan für die Art, das Decreto 40/2026, setzt sich mindestens fünf stabile Bestände in der Natur zum Ziel, die vorhandenen eingeschlossen, und weist drei kritische Gebiete aus: die Fuga de Gorreta, den Küstenabschnitt von Arelmo und Agache sowie den Roque Chico de Salmor. Die geschätzten Kosten betragen 1.991.187 Euro, doch der Plan sagt selbst, dass dies nur ein Richtwert ist.

Nach vorläufigen, noch unveröffentlichten Analysen der Autoren des wissenschaftlichen Artikels hat eine Freilassung größere Erfolgschancen, wenn sie mit mindestens hundert Eidechsen beginnt.

Laut dem Plan besteht ein Großteil der Belastungen fort, und manche, etwa die Zahl der Katzen, die sich auf der Insel unkontrolliert vermehren, haben deutlich zugenommen. Die größte natürliche Gefahr an der Fuga de Gorreta ist die Steilwand selbst: Ein Felssturz könnte den einzigen natürlichen Bestand auslöschen.

1974 hing das Schicksal der Art an einer Streichholzschachtel, am Gedächtnis eines Hirten und an der Entscheidung zweier Beamter. Heute stehen ein Rettungsplan, ein Zuchtzentrum und jahrzehntelange Datenreihen hinter ihr, und doch lebt der natürliche Bestand noch immer an derselben Steilwand, die damals nur die Ziegenhirten kannten. Das Wissen, von dem die Wiederentdeckung ausging, stammte nicht aus einem Buch, sondern von denen, die mit ihren Ziegen jeden Tag in der Steilwand unterwegs waren.

Was gibt es in deiner Umgebung, das nur weiß, wer jeden Tag dort vorbeikommt, und das noch nie jemand aufgeschrieben hat?

Wo du die Rieseneidechse sehen kannst

Das Erhaltungszentrum der Rieseneidechse gehört zum Ecomuseo de Guinea in der Gemeinde Frontera, im Tal von El Golfo. Die Führung beginnt in einer Lavaröhre, dann folgt das Erhaltungszentrum mit mehreren Tieren, und zum Schluss ein Dorf, dessen Häuser verschiedene Jahrhunderte zeigen. Öffnungszeiten und Preise findest du auf der Website des Betreibers.

Ganz in der Nähe, an der Küste von Las Puntas, liegt das Hotel Puntagrande. Auf das Tal von El Golfo blicken der Mirador de la Peña und der Mirador de Jinama hinab. Die Orte der beiden gescheiterten Wiederansiedlungen kannst du heute noch besuchen: In La Dehesa stehen die vom Wind verdrehten Wacholder von El Sabinar, in El Julan warten der Mirador de El Julan und der Parque Cultural de El Julan auf dich. In Frontera solltest du dir auch den Gemeindemarkt vormerken.

Zu den Museen der Insel und dem kompletten El-Hierro-Reiseführer empfehlen wir dir außerdem: Was man auf El Hierro sehen muss und Strände und Naturpools auf El Hierro.


Quellen: Decreto 40/2026, de 17 de marzo, Plan de Recuperación del Lagarto Gigante de El Hierro (Boletín Oficial de Canarias, Nr. 56, 23. März 2026); M. Á. Rodríguez Domínguez und Mitautoren: El Lagarto Gigante de El Hierro (Gobierno de Canarias und Cabildo de El Hierro, 2000); M. A. Rodríguez-Domínguez und Mitautoren, Animals 16(12):1869 (2026); Atlas y Libro Rojo de los Anfibios y Reptiles de España (MITECO, 2002); Cabildo de El Hierro, Meldungen (2024, 2026); Gobierno de Canarias, Meldung zum neuen Plan (2026); RTVC (2024); Turismo de Islas Canarias (elhierro.travel); E.I.S. Meridiano, Ecomuseo de Guinea.

Titelbild (zugeschnitten): Rieseneidechse von El Hierro (Gallotia simonyi) im Erhaltungszentrum, El Hierro. Jose Mesa, CC BY 2.0, über Wikimedia Commons.

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