
Die Nacht, in der Nelson in Santa Cruz den Arm verlor
Mitten in Santa Cruz de Tenerife, unter der Plaza de España, steht eine Bronzekanone in einem Ausstellungsraum. Sie stammt aus den Resten der Burg San Cristóbal, die dort stand, wo heute Menschen mit Einkaufstüten vorbeigehen.
Diese Kanone heißt El Tigre, und seit über zwei Jahrhunderten erzählt die Stadt, dass sie es war, die Horatio Nelson den Arm abriss.
Die Geschichte ist auch ohne das Legendenhafte gut. Und es lohnt sich, beides zu trennen, denn nicht alles, was erzählt wird, ist gleich gut belegt.
Was Nelson hier wollte
Im Juli 1797 war Nelson Konteradmiral und erschien mit einem Geschwader der Royal Navy vor Teneriffa. Die Insel selbst war nicht das Ziel: Es ging um den Verkehr zwischen Amerika und Spanien, und nebenbei darum, die Kanaren unter die britische Krone zu bringen.
Der Plan war auf Tempo angelegt: landen, den Ort nehmen, mitnehmen, was im Hafen liegt.
Gegenüber stand Antonio Gutiérrez, Generalkommandant der Kanaren, mit rund zweitausendeinhundert Mann aus Miliz, Infanterie, Artilleristen, französischen Seeleuten und Freiwilligen aus der Stadt. Das war kein Berufsheer. Das waren zu einem guten Teil Leute von hier.
Vier Tage, und eine Nacht, die alles entschied
Das Geschwader wurde am 21. Juli gesichtet. Am Tag darauf gab es einen ersten Landungsversuch am Strand von Bufadero, der abgewehrt wurde, und einen zweiten bei Valleseco, wo tatsächlich etwa tausendzweihundert Mann an Land kamen.
Am 24. tauchte das Geschwader mit einem weiteren Schiff wieder auf. Der Hauptangriff kam in den frühen Stunden des 25. Juli, direkt gegen die Mole und den Strand der Alameda.
Dort kippte die Nacht. Nelson saß in einem der Boote, die sich dem Ufer näherten, als ihn Kartätschenfeuer traf. Sein rechter Arm war zerstört und wurde noch in derselben Nacht an Bord seines Flaggschiffs amputiert.
Am 26. begann die britische Evakuierung.
Die höflichste Kapitulation, die überliefert ist
Das Besondere an dieser Episode ist nicht der Kampf, sondern sein Ende.
Vereinbart wurde, dass die britischen Truppen mit ihren Waffen einschiffen durften und die Gefangenen zurückgegeben wurden. Im Gegenzug würde das Geschwader weder Santa Cruz noch die übrigen Inseln angreifen.
Anders gesagt: Der Unterlegene zog mit seinen Waffen und seiner Würde ab, und der Sieger verfolgte ihn nicht. In den Kriegen jener Zeit war das nicht der Normalfall.
Ab hier beginnt der Teil, den die Stadtchronik selbst als Überlieferung und nicht als belegte Tatsache ausweist: dass Nelson an Gutiérrez einen mit der linken Hand unterschriebenen Dankesbrief schickte, dazu ein Nachtfernrohr, Käse und englisches Bier, und dass der spanische General mit Wein aus der Gegend antwortete.
Vielleicht war es genau so. Vielleicht hat sich die Geschichte über die Jahre auch rund geschliffen. Erzählenswert ist sie, solange du weißt, welches von beidem du gerade liest.
Und die Sache mit der Kanone
Beim Tigre ist es ähnlich. Die offizielle Chronik der Stadt hält fest, dass Nelson vom Kartätschenfeuer dieser Kanone getroffen wurde, die in jener Nacht in einer eigens geöffneten Scharte der Bastion Santo Domingo stand, um den ungeschützten Strand der Alameda abzudecken.
Was keine Quelle sicher feststellen kann, ist, welches Geschütz den Schuss tatsächlich abgab. Bei einer nächtlichen Verteidigung, in der mehrere Batterien denselben Abschnitt beschießen, ist die Zuordnung zu einer bestimmten Kanone bestenfalls eine Wahrscheinlichkeit.
El Tigre existiert, war dort und hat gefeuert. Dass es sein Schuss war, ist das, woran sich die Stadt erinnern wollte.
Wo du das heute sehen kannst
Die Burg San Cristóbal steht nicht mehr. Sie wurde Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts abgerissen, und die Stadt wuchs darüber. Was von ihr blieb, und die Kanone, werden im unterirdischen Ausstellungszentrum unter der Plaza de España mitten in Santa Cruz aufbewahrt.
Der Besuch ist kurz und hat eine seltene Qualität: Du stehst unter dem Platz, auf dem es geschah, nicht in einem Museum am Stadtrand.
Jedes Jahr am 25. Juli erinnert die Stadt an diese Nacht, samt Nachstellung. Wer dann auf Teneriffa ist, erlebt eine der wenigen historischen Veranstaltungen hier, die nicht nach Kulisse aussieht.
Zum Einordnen in den Rest der Insel gibt es unseren Teneriffa-Überblick, und wenn du Orte magst, die auf keiner Busroute liegen, die geheimen Orte der Inseln.
Quellen
Stadtverwaltung Santa Cruz de Tenerife, offizielle Chronik: "La gesta tinerfeña del 25 de julio de 1797". Die Höflichkeiten zwischen Nelson und Gutiérrez stehen dort als Überlieferung, ohne Quellenangabe.
Titelbild: die Kanone «El Tigre», castillo de San Cristóbal, Santa Cruz de Tenerife. Foto: Koppchen, CC BY 3.0, Wikimedia Commons.




