
Die unsichtbare Karte Teneriffas: neun Gebiete zwischen Meer und Teide
Wer über die TF-5 oder die TF-1 fährt, liest immer wieder dieselben Wörter auf den Schildern. Tacoronte. Icod. Adeje. Güímar. Man hält sie leicht für das, was sie heute sind: Autobahnausfahrten, Postleitzahlen, Gemeindenamen.
Zuerst waren sie etwas anderes. Sie waren Grenzen.
Bevor die Kastilier landeten, war Teneriffa nicht in Gemeinden gegliedert, sondern in neun eigenständige Gebiete. Diese Karte ist nie verschwunden. Man steht jedes Mal darauf, wenn man aus dem Auto steigt.
Neun Gebiete und ein Ort, der niemandem gehörte
Zur Zeit der Eroberung war die Insel in neun Menceyatos aufgeteilt: Anaga, Güímar, Abona, Adeje, Daute, Icod, Taoro, Tacoronte und Tegueste. An der Spitze jedes Gebiets stand ein Mencey.
Und es gab einen zehnten Ort, der zu keinem von ihnen gehörte.
Die Inselmitte, die Hochebene rund um den Teide, blieb Gemeinschaftsgebiet. Die Broschüre der Gemeinde Candelaria erledigt das in einem einzigen Satz, und dieser Satz sagt mehr über das Guanchen-Teneriffa als ein ganzes Kapitel voller Königslisten: «La zona central de la isla era una zona común para todos, utilizada para que el ganado pastase.» Die Inselmitte gehörte allen, damit das Vieh dort weiden konnte.
Man muss sich klarmachen, was das bedeutet. Neun Gebiete, die einander auch bekriegten, und die wichtigste Hochweide gehörte keinem davon. Wer seine Herde hinauftrieb, weidete neben den Tieren des Nachbarn.

Die Mencey-Statuen auf dem Platz von Candelaria im Januar 2025, vor der Sanierung des Platzes.
Warum sie nichts mit den heutigen Gemeinden zu tun haben
Auf einer heutigen Verwaltungskarte wirken die Grenzen willkürlich gezogen. Die Grenzen der Menceyatos waren natürliche Grenzen.
Dr. José Juan Jiménez González, Konservator des Archäologischen Museums von Teneriffa, formuliert es so: Die Insel gliederte sich in neun natürliche Bezirke, und diese Aufteilung entstand nicht aus einer einzigen Entscheidung, sondern aus dem Bevölkerungswachstum und aus unterschiedlichen ökologischen Nischen.
Das ist bemerkenswert, weil die Überlieferung etwas anderes erzählt. Den Chroniken zufolge gehörte Teneriffa einem einzigen Herrscher, Tinerfe dem Großen, und nach seinem Tod teilten seine neun Söhne die Insel unter sich auf. Eine schöne Geschichte, und bis heute die populäre Version.
Aber die beiden Erklärungen sind nicht dasselbe. Die eine ist eine Entscheidung in einem Augenblick, die andere ein Prozess über Jahrhunderte. Und die Archäologie neigt zur zweiten.
Der Mencey war kein mittelalterlicher König
Die kastilischen Chroniken nannten sie Könige, und das Wort blieb an ihnen haften. Man sollte sich aber keine Burgen, Kronen oder Thronsäle vorstellen.
Der Mencey führte eine Hirtengesellschaft an. Er entschied nicht allein: Seinen Eid legte er vor dem Tagoror ab, der Versammlung der Adligen und Ältesten.
Am aufschlussreichsten ist, worüber er zu richten hatte. Die Aufzählung des Museumskonservators lautet wörtlich: «la organización ganadera (terrenos de pastos, querellas entre pastores, competencia por fuentes y abrevaderos)». Weideland. Streit unter Hirten. Konkurrenz um Quellen und Tränken.
Keine Feldzüge, keine Thronstreitigkeiten. Wasser und Gras. Wer verstehen will, was diese neun Gebiete zusammenhielt, kommt mit diesem Satz weiter als mit jeder Königsliste.
Als die Insel in zwei Lager zerfiel
Im April 1494 landete Alonso Fernández de Lugo. Er traf nicht auf ein einiges Volk.
Die neun Gebiete zerfielen in zwei Lager. Die bandos de paces, die Friedenslager: Anaga, Güímar, Abona und Adeje. Die bandos de guerra, die Kriegslager: Tegueste, Tacoronte, Taoro, Icod und Daute.
Ein Blick auf die Karte, und eine Erklärung scheint sich von selbst zu zeichnen. Die Friedenslager im Süden und Osten, auf der trockeneren Seite. Die Widerständigen im Norden, auf der grünen. Klingt einleuchtend: Wer am meisten zu verlieren hatte, kämpfte.
Nur fällt diese Erklärung sofort in sich zusammen.
Anaga gehört zu den Friedenslagern, und Anaga ist nicht der trockene Süden. Es ist der äußerste Nordosten der Insel, das Anaga-Massiv, eine der feuchtesten Gegenden überhaupt, mit Lorbeerwald. Hätte das Klima entschieden, gehörte Anaga auf die andere Seite.
Das ist kein Schönheitsfehler, sondern die Schwachstelle des ganzen Schemas. Und es ist auch keine neue Entdeckung: Es gab eine Diskussion unter Historikern, ob Anaga wirklich zu den Friedenslagern zählte. Entschieden haben sie die zeitgenössischen Dokumente, die keinen Zweifel lassen.
Warum also?
Die Antwort steht in einem Satz der Menceyato-Beschreibung, und sie ist weit konkreter als das Wetter: Frieden bedeutete, dass von dort keine Sklaven geholt werden durften. «Anaga queda así incluida en los denominados bando de paces, asegurándose la libertad de los asaltos esclavistas.»
Entscheidend war nicht, ob das Land trocken war. Entscheidend war, ob die Menschen verschleppt wurden.
Zwei Schlachten, zwei Richtungen
April 1494, La Matanza de Acentejo. Die Guanchen zerschlugen die Eindringlinge in der Schlucht. Achtzig Prozent der kastilischen Truppe blieben dort. Der Ort heißt bis heute so: das Gemetzel.
November 1494, Aguere. Ein halbes Jahr später, dort wo heute La Laguna steht, kippte die Waage. In dieser Schlacht fiel Bencomo, Mencey von Taoro und die Klammer des nördlichen Widerstands, und mit ihm sein Bruder Tinguaro.
Es lohnt sich, die beiden Daten nebeneinanderzulegen, denn die populäre Erzählung vermischt sie gern. Bencomo starb nicht in der Endniederlage, sondern lange davor. Die zweite Schlacht von Acentejo, in der der Widerstand endgültig zusammenbrach, kam erst im Dezember 1495. Da war Bencomo bereits über ein Jahr tot.
Offiziell endete die Eroberung am 29. September 1496.

Bencomo, Mencey von Taoro, auf dem Platz von Candelaria im Januar 2025, vor der Sanierung.
Was wir nicht wissen, und man sagt es besser laut
Bis hierher steht hinter jeder Aussage eine Quelle. Jetzt kommt der Teil, wo es keine gibt.
Für ein oft wiederholtes Bild habe ich keine Bestätigung gefunden: dass die Menceyatos in regelmäßigen Streifen verliefen, wie Tortenstücke, von der Küste bis zum Gipfel, jedes mit seinem Stück Küste, Mittellage und Höhe. Die Logik ist verlockend und passt zu dem, was wir über die gemeinsame Weide in der Inselmitte wissen. Aber weder in der Museumsbeschreibung noch in der Menceyato-Literatur, die ich eingesehen habe, steht diese konkrete Formulierung. Was dort steht: «natürliche Bezirke» und unterschiedliche ökologische Bedingungen.
Vielleicht stimmt das Streifenbild und ist anderswo beschrieben. Vielleicht ist auch aus einer anschaulichen Grafik eine Tatsache geworden. Solange ich es nicht weiß, behaupte ich es hier nicht.
Dasselbe gilt für die añepa, den Stab, der als Insignie der Menceyes genannt wird. Mehrere populäre Darstellungen erwähnen ihn; in den Museums- und Lexikontexten, die ich geprüft habe, habe ich ihn nicht gefunden.
Was davon nach fünfhundert Jahren geblieben ist
Die Menceyatos hörten als politische Einheiten auf zu existieren. Die Karte nicht.
Wer heute über die Insel fährt und diese Wörter ausspricht, Anaga, Tegueste, Tacoronte, Taoro, Icod, Daute, Adeje, Abona, Güímar, benennt neun Gebiete, die kein Ingenieur abgesteckt hat. Das haben Wasser, Weide und Höhe getan.
Und wer einmal auf die Teide-Hochebene hinauffährt, sollte daran denken: Das ist der eine Ort, der keinem Mencey gehörte. Weil er allen gehörte.

Pelinor, einer der Menceyes, auf dem Platz von Candelaria im Januar 2025, vor der Sanierung.
Wo kann man das heute sehen?
MUNA (Museo de Naturaleza y Arqueología), Santa Cruz de Tenerife. Hier liegt das archäologische Material, und ein Teil des oben Gesagten stammt ebenfalls von hier, von einem namentlich genannten Forscher.
Plaza de la Patrona de Canarias, Candelaria. Die neun Bronzestatuen der Menceyes, ein Werk von José Abad, standen auf dem Platz direkt am Meer. Achtung vor dem Besuch: Wegen der 2025 begonnenen Komplettsanierung des Platzes wurden die Statuen vorübergehend von ihren Sockeln genommen und sind bis zum Ende der Arbeiten an der Promenade nicht zu sehen. Die Symbolkraft des Ortes bleibt, und der Platz lohnt den Weg weiterhin, aber die neun Figuren wird man dort vorerst nicht finden.
Das Anaga-Massiv. Wer an einem einzigen Ort verstehen will, warum nicht das Klima entschieden hat, ist hier richtig.
Und zum Schluss eine Frage, auf die auch ich keine Antwort habe: Wenn die Inselmitte wirklich gemeinsame Weide war, dann bekriegten sich die neun Gebiete nicht nur, sondern einigten sich jedes Jahr auch über etwas. Wie? Dazu schweigen die Quellen.


